Die Nibelungen und der Rhein: Vom Untergang der Burgunder 436 n. Chr. bis zu Wagners Ring-Zyklus

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Altes Schwert teilweise im Rheinwasser versunken mit dramatischer Beleuchtung, Nibelungensage

Irgendwo im Rhein bei Worms liegt, einer fast sechzehn Jahrhunderte alten Sage zufolge, ein Schatz von unermesslichem Wert. Den Nibelungenhort versenkte der Bösewicht Hagen von Tronje im Fluss, um ihn seinen Feinden zu entziehen. Niemand hat ihn je gefunden. Die Geschichte, wie dieser Schatz gewonnen, verflucht und verloren wurde, bildet den Kern des Nibelungenlieds, des bedeutendsten Heldenepos der deutschen Literatur.

Das Bemerkenswerte an der Nibelungensage ist, dass sie auf einem realen Ereignis beruht. Im Jahr 436 n. Chr. vernichtete ein hunnisches Heer das Burgunderreich in Worms am Rhein und tötete König Gundahar mitsamt einem Großteil seines Hofes. Aus dieser historischen Katastrophe erwuchs eine literarische Tradition, die sich über mehr als 1.500 Jahre erstreckt — von mündlicher Dichtung über mittelalterliche Handschriften bis auf Richard Wagners Opernbühne.

Der historische Kern: Die Burgunder am Rhein

Die Burgunder waren ein germanisches Volk, das im frühen 5. Jahrhundert am linken Rheinufer ein Königreich errichtete, mit Worms als Hauptstadt. Ihr Reich war Teil des komplexen Machtgeflechts aus römischen und germanischen Herrschaftsgebieten, das die Spätantike am Rhein prägte.

Im Jahr 436 n. Chr. entsandte der römische Feldherr Aetius hunnische Söldner gegen die Burgunder. Der Angriff war verheerend: Das Königreich wurde vernichtet, und der römische Chronist Prosper von Aquitanien hielt fest, dass König Gundahar zusammen mit rund 20.000 seiner Untertanen getötet wurde. Die Überlebenden wurden von den Römern in der Region Sapaudia angesiedelt, dem heutigen Savoyen im Südosten Frankreichs.

Diese Vernichtung war so plötzlich und vollständig, dass sie tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Rheinregion hinterließ. In den folgenden Jahrhunderten verschmolz die historische Überlieferung mit älterem mythologischem Material — Erzählungen von Drachentötern, verzaubertem Gold und übernatürlichen Wesen — zu der Geschichte, die schließlich als Nibelungenlied niedergeschrieben wurde.

Das Nibelungenlied: Ein mittelalterliches Meisterwerk

Das Nibelungenlied wurde um 1200 n. Chr. von einem anonymen Dichter verfasst, vermutlich im Raum Passau im heutigen Bayern. In Mittelhochdeutsch geschrieben, umfasst es rund 2.400 Strophen, gegliedert in 39 Kapitel (âventiuren).

Die Handlung folgt zwei Bögen. Im ersten kommt der Held Siegfried nach Worms, gewinnt die Hand der burgundischen Prinzessin Kriemhild und wird hinterrücks von Hagen von Tronje ermordet, der ihn an einer Waldquelle ersticht. Hagen bemächtigt sich daraufhin des Nibelungenschatzes und versenkt ihn im Rhein.

Im zweiten Bogen heiratet Kriemhild Attila (Etzel) den Hunnen und lädt nach Jahren geduldigen Wartens die Burgunder an seinen Hof ein. Dort inszeniert sie ein Blutbad der Rache. Nahezu alle Hauptfiguren kommen um. Das Epos endet in totaler Vernichtung — einer Katastrophe ohne Erlösung, für die mittelalterliche Literatur ungewöhnlich.

Das Nibelungenlied wurde 1755 wiederentdeckt und rasch als Werk von nationaler Bedeutung anerkannt. 2009 nahm die UNESCO die drei ältesten Handschriften (mit den Signaturen A, B und C) in ihr Weltdokumentenerbe auf und würdigte das Epos als Dokument von herausragender universeller Bedeutung.

Wagners Ring: Der Rhein geht in die Oper

Richard Wagner (1813–1883) griff auf den Nibelungenstoff zurück — ergänzt durch die ältere nordische Edda und die Völsunga saga — für seinen Vier-Opern-Zyklus Der Ring des Nibelungen, komponiert zwischen 1848 und 1874 und erstmals vollständig aufgeführt bei den Bayreuther Festspielen 1876.

Wagners Version weicht erheblich vom Nibelungenlied ab. Er griff auf die älteren, mythologischeren Quellen zurück und stellte Götter, Riesen und Zwerge ins Zentrum der Handlung. Doch der Rhein bleibt die Konstante. Der Zyklus beginnt mit den drei Rheintöchtern, die einen Klumpen magisches Gold am Grund des Flusses hüten. Als der Zwerg Alberich das Gold stiehlt und daraus einen Ring der Macht schmiedet, setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die die Götter selbst vernichten wird.

Der Ring-Zyklus — Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung — dauert insgesamt rund 15 Stunden und ist eines der ambitioniertesten Werke der abendländischen Musikgeschichte. Sein Einfluss reicht weit über die Oper hinaus: J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe schöpft aus ähnlichem Quellenmaterial, und das Bild eines verfluchten Machtringes ist zu einem festen Bestandteil der Fantasy-Literatur geworden.

Die Nibelungen in Worms heute

Worms hat seine Rolle als Stadt der Nibelungen angenommen. Das Nibelungenmuseum, in die mittelalterliche Stadtmauer eingebaut und 2001 eröffnet, erzählt die Geschichte mithilfe multimedialer Installationen — von den historischen Burgundern über das Mittelalter bis zu Wagner und darüber hinaus. Seit 2002 veranstaltet die Stadt die Nibelungen-Festspiele, ein jährliches Freiluft-Theaterfestival auf dem Platz vor dem Wormser Dom. Jedes Jahr interpretiert ein neu in Auftrag gegebenes Stück den Nibelungenstoff für ein zeitgenössisches Publikum.

Die Nibelungenbrücke, eine moderne Straßenbrücke über den Rhein bei Worms, trägt den Namen als tägliche Erinnerung. Und die Frage nach dem versunkenen Schatz — dem Rheingold — taucht in der lokalen Überlieferung immer wieder auf. Eine ernsthafte Suche hat nie stattgefunden, doch die Vorstellung, dass irgendwo unter der Rheinströmung ein Hort verfluchten Goldes liegt, gehört zu den beständigsten Geschichten des Flusses. Diese mythische Qualität teilt er mit der Loreley-Sage, einer weiteren untrennbar mit dem Rhein verbundenen Erzählung.

Die Nibelungensage ist ein Lehrstück dafür, wie Geschichte zu Legende wird. Eine militärische Katastrophe des 5. Jahrhunderts an einem Rheinübergang wurde über sieben Jahrhunderte hinweg in einen der Gründungstexte der deutschen Literatur verwandelt. Wagner hob den Stoff dann auf die Opernbühne und verlieh ihm eine mythologische Größe, die der ursprüngliche Dichter möglicherweise nicht wiedererkannt hätte. Durch alle Verwandlungen hindurch bleibt der Rhein der Ankerpunkt der Geschichte — der Fluss, in dem das Gold gefunden wurde, der Fluss, in dem das Gold verborgen wurde, und der Fluss, der die kulturelle Identität der Region bis heute durchzieht.

Quellen & Referenzen